TEMPORAMORES - Newsletter # 422 - 20.3.2026




KURZMELDUNGEN

Vor gut 25 Jahren erschien Michael Marraks Roman LORD GAMMA im Berliner Shayol Verlag, der damit den Grundstein zu Marraks Weltkarriere legte. In den Monaten Januar und Februar 2026 starteten der Autor und sein langjähriger Wegbegleiter Hardy Kettlitz (inzwischen Inhaber des Memoranda Verlags) auf startnext.com das Crowdfunding-Projekt „Lord Gamma: Die Jubiläumsausgabe“, mit der sie eine luxuriös ausgestattete, überarbeitete und ergänzte Neuausgabe des Buches finanzieren wollten. Das Projekt hatte mehrere Zwischenziele und bot dafür 16 Unterstützungs-Optionen, die von der reinen Geldspende über Poster, signierte Cover-Drucke, Buch- und E-Book-Bestellungen bis hin zum 120 €-Gesamtpaket reichten. Zusätzlichen Anreiz boten Pakete mit älteren Marrak-Büchern, Memoranda-Seltenheiten und sogar der Möglichkeit, den Autor für eine Lesung zu buchen. Am Ende waren alle Ziele erreicht und fast 12.000 Euro zugesagt. Buchproduktion, Signieraktion und Versand benötigten noch einige Tage, aber Anfang März wurde dann geliefert: Zentrales Element ist natürlich die hochwertige illustrierte Hardcover-Ausgabe von LORD GAMMA (im Memoranda Verlag, aber ohne ISBN), deren 222 Exemplare alle von Marrak signiert sind. Im Gesamtpaket waren dann noch ein von Alexander Preuss signiertes A2-Poster des umlaufenden Einbandbildes, ein signierter Cover-Druck, zwei von Marrak signierte Illustrationen sowie das E-Book enthalten. Das Buch hat 631 Seiten, von denen der Roman gute 500 einnimmt. Eingerahmt ist er von einem Vorwort von Markus Tillmann, zwei Nachworten von Andreas Eschbach, einem Interview mit und einem Werkstatt­bericht von Michael Marrak und ganz am Ende steht die sehr hübsch von Gerhard Junker illustrierte Erzählung „Wiedergänger“ aus dem Jahr 1999. Einziger Nachteil: alle Fans, die sich trotz diverser Warnungen nicht zu einer Unterstützung durchringen konnten, haben das Nachsehen. Es wurden nur die über Startnext georderten Exemplare gedruckt – eine Nachauflage ist ausgeschlossen.

Ein Nachzügler aus dem letzten Jahr: Mit leichter Verspätung (hihihi) erreichte mich der vierte Band von Guillaume Perreaults SF-Comic-Reihe DER WELTRAUMPOSTBOTE – PANIK IM POSTAMT (Rotopol, ISBN 978-3-96451-063-1, 176 S.), mit dem er nahtlos an die Geschehnisse von Band 3 (HUNGRIG DURCHS WELTALL) anschließt. Diesmal ist das Postamt selbst die Bühne für ein überaus verwirrendes, chaotisches und lustiges Abenteuer, das Bob, Marcella und die anderen Post-Mitarbeiter*innen überstehen müssen. Alle, die an den früheren Geschichten ihren Spaß hatten, werden hier bestens bedient. Neueinsteiger*innen fangen bitte mit Band 1 an.

Nun sind also auch T. S. Orgel unter die Märchenerzähler gegangen und haben mit DEADLY EVER AFTER – BLUT UND SCHNEE (Heyne, ISBN 978-3-453-27556-0, 607 S.) eine echte ABG-(Andersen-Bechstein-Grimm)-Hommage vorgelegt. Schneewittchen, Rotkäppchen und tapfere Schneiderlein treten auf, allerdings sind diese Namen nur noch ferne Echos der Ursprungsmythen. Bei Tom und Stephan Orgel sind es handfeste Charaktere in einer dunklen Fantasywelt, in der die Grausamkeiten der Märchenerzählungen in sehr realen Geschehnissen münden und eine Kette von Reaktion und Gegenreaktion bewirken, in denen der Kampf um die Beherrschung der Magie im Mittelpunkt steht. Dicht daneben steht dann der leicht angeschwärzte Humor der Gebrüder Orgel (na, ob das später mal ein Markenzeichen wird?), der dafür sorgt, dass die lustigen Stellen der alten Märchen eine zeitgemäße Entsprechung finden. Das Ganze atmet neben den erwartbaren Anmutungen deutscher Romantik, englischer Gothic Novel und amerikanischer Horror-Schreibe für mich auch einen feinen Hauch Bill Willingham’scher FABLES-Erzählung. Gut so.

Manchmal bin sogar ich noch zu verblüffen. Irgendwie kenne ich den März Verlag ja seit Kindertagen, hatte ihn jedoch als seit vielen Jahren „Non-Existent“ abgelegt. Dann erreichte mich das Angebot, aus dem neuesten Programm doch den Roman DER GRÄBER (ISBN 978-3-7550-0063-1, 275 S.) von Hendrik Otremba zu besprechen. Gesagt, tun getan – wie das Onkel Hotte früher so schön prägnant ausdrückte. Nachdem mich der Klappentext darüber aufgeklärt hatte, wer Hendrik Otremba eigentlich ist (Als ausgebildeter Ignorant war mit natürlich entgangen, dass der Gute 1984 in Recklinghausen zur Welt kam, danach Universalkünstler [Autor, Musiker und Maler] wurde, seit 2017 Romane veröffentlicht, auch noch sechs Alben als Sänger der Gruppe „Messer“ aufgenommen hat und mit seinen Bildern Zeitschriften- und Plattencover schmückt.), machte ich mich also an die Lektüre. Das Buch hat mir sowohl stilistisch als inhaltlich sehr gefallen und wird darob in meiner Sammlung den Buchstaben „O“ im Autorenalphabet dauerhaft bereichern. Natürlich kann sich niemand vorstellen wie es ist Unsterblich zu sein, das Ende der Welt, den Untergang der Zivilisation und das Zeitalter des Post-Antropozäns mitzuerleben – aber Otremba gelingt es in DER GRÄBER davon so zu schreiben, dass es sich für die Zeit der Lektüre anfühlt, als wäre das doch vorstellbar. Dieser großartige (und wunderschön hochwertig aufgemachte) SF-Roman jedenfalls ist ein deutliches Zeichen dafür, dass der März Verlag sehr lebendig ist!

Der fünfte Band mit Känguru-Geschichten von Marc-Uwe Kling ist unter dem Titel DIE KÄNGURU-REBELLION (Ullstein, ISBN 978-3-548-07410-8, 280 S.) erschienen. Gleicher­maßen die live eingesprochene Komplett-Lesung (6 CDs bei HörbuchHamburg) des Autors. Kaufen, lesen, hören, lieben!

Das Frühjahrsprogramm von Carcosa liegt vor und diesmal gibt es nur zwei Titel vorzustellen: Von Nicola Griffith erschien mit SPEER (ISBN 978-3-910914-50-6, 255 S., kleinformatiges Hardcover) eine ungewöhnliche Neuinterpretation der Artus-Legende. Die Tochter einer magisch begabten Waldfrau zieht los zum Hof von König Artos um dort ein Ritter zu werden. In Griffith’ Version kehren sich fast alle Vorzeichen um, sie stellt die Geschichte auf den Kopf, trotzdem wirkt sie gerade deshalb „richtig“ und überzeugend. Die bemerkenswerteste Version des altbe­kannten Stoffes seit Marion Zimmer Bradley.

Es ist erst fünf Jahre her, dass Aiki Mira uns mit Romanen und Geschichten, Artikeln und Essays verzaubert, und doch ist die deutschsprachige Science Fiction inzwischen ohne diese Stimme unvorstellbar geworden. Während der Roman DENIAL OF SERVICE aktuell noch „in den Charts“ steht, liegt mit DESHALB KANN ICH NICHT FORT (ISBN 978-3-910914-52-0, 346 S.) nun eine erste Sammlung mit Erzählungen vor. 22 Stories aus fast ebenso vielen Anthologien und Magazinen, alle erschienen zwischen 2021 und 2024, sind es tatsächlich geworden, drei von ihnen haben SF-Preise gewonnen, viele waren nominiert – alle sind es wert (nochmals) gelesen zu werden.


ZITATE

„Mama, Papa, soll ich euch einen Witz erzählen?

Ja, leg los.

Okay, also: Wohin gehen kleine Schweinchen, wenn sie was lernen wollen?

Keine Ahnung! Wohin gehen kleine Schweinchen?

In die Grunzschule!“

Hendrik Otremba DER GRÄBER (S. 275)



„[W]er Michael kennt, weiß, dass man ihm schlecht etwas abschlagen kann, weil einen sonst ein Gefühl beschleicht, als hätte man gerade ein kleines bepelztes Tierbaby totgetreten.“

Andreas Eschbach – „Nachworte“; in: Michael Marrak LORD GAMMA (S. 530)



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