TEMPORAMORES - Newsletter # 423 - 15.4.2026




KURZMELDUNGEN

Auch schon seit fast 25 Jahren unterwegs im Auftrag des Herrn: NOVA, das „Magazin für spekulative Literatur“, dessen 38. Ausgabe soeben im Verlag p.machinery (ISBN 978-3-95765-507-3, 200 S.) erschienen ist. Das Redaktionstrio  aus Marianne Labisch (Stories), Dominik Irtenkauf (Artikel) und Gabriele Behrend (Bilder) hat diesmal 14 Kurzgeschichten (u. a. von Michael K. Iwoleit, Frank Lauenroth und Maria Orlovskaya sowie den Gastautoren Sylvia Heike und Zach Smith) ausgewählt und mit ganzseitigen Grafiken (u. a. von Klaus Brandt, Detlef Klewer, Achim Stößer und Maximilian Wust) illustriert. Den Sekundärteil beginnt Thomas Ballhausen, gefolgt von Bettina Wurche, Zura Jishkariani und Irtenkauf, die sich auf der Suche nach dem „Deep Space“ befinden. Den Abschluss bildet ein kurzer Nachruf Jörg Weigands auf  den Schweizer Autor Peter Mathys (1941–2026).

Erfreulich pünktlich liegt die Nummer 101 der phantastisch! auf meinem Schreibtisch. Die neue Heimat Calliope Media scheint dem „Magazin für Science Fiction, Fantasy & Horror“ gut zu bekommen. Auf den 80 Heft-Seiten findet sich der gewohnte Genre-Mix, zu dessen Höhepunkten diesmal die Interviews mit René Moreau und Oliver Plaschka gehören, sowie die Artikel von Christian Hoffmann (über Tove Jansson), Achim Schnurrer (über drei unbekannte SF-Klassiker) und Yvonne Tunnat (über Ken Liu). Großartig ist der „Schlüssel“-Comic von Olaf Brill & Michael Vogt (Ein seltsamer Tag – Episode 101) und unverzichtbar der zweite Teil der Serie über deutsche SF-Magazine von Horst Illmer. Auch diesmal der Hinweis: Ein Abo kann Leben retten (u. a. das von SF-Magazinen)!

Und auch dieses Jubiläum soll und muss gewürdigt werden: Das einzigartige Science-Fiction-Fanzine !Time Machine, das sich im Untertitel allerdings selbst „Das Science Fiction Fan-Zine“ nennt, konnte im April 2026 mit leichter Verspätung die zehnte Ausgabe feiern. Wie die Herausgeber Udo Klotz und Christian Hoffmann übereinstimmend mit dem Memoranda Verlag verlauten ließen, war es wohl die Druckerei, die mal eben acht Wochen mehr brauchte als geplant. Das Ergebnis kann sich aber sehen lassen, die 88 Seiten sind trotz einer Überfülle an Text- und Bild-Material sehr gut lesbar, nur das Umschlagbild von Dirk Berger droht fast ein wenig unterzugehen, da man mit vor stolz geschwellter Brust fast das gesamte Inhalts­verzeichnis gleich vorne drauf drucken ließ. Und auf die Beiträge von Thomas Harbach, Dominik Irtenkauf, Michael Wehren, Chris Schlicht, Wolfang Both, Silke Brandt, Michael Schneiberg und Frank Schlösser dürfen sich die Herausgeber und der Verleger (die im Heft natürlich ebenfalls ausführlich zu Wort kommen) durchaus zu Recht etwas einbilden. Nicht ganz überraschend steht diesmal das Thema „Zeitmaschine“ im Zentrum, aber auch Ausblicke in die SF-Szenen fremder, unbekannter Länder wie Georgien oder die Türkei finden statt. Dazu kommt noch Rückblickendes auf einen ebenso wichtigen wie unbekannten Kurd Laßwitz-Verehrer, einen Marine-Offizier, der unter Pseudonym mindestens vier Zukunftsromane schrieb und eine außergewöhnliche Alien-Invasions-Trilogie. Einblicke gewährt ein launiger Werkstattbericht vom Herausgeber der bemer­kenswertesten Original-Homage-Anthologie des letzten Jahres. Architektur-Kritik, Redaktions-Interna, Literaturgeschichte und gaaaaanz viele Buchbe­sprechungen runden die Sache dann ab und lassen keinen Raum für kritische Anmerkungen. Ein rundum gelungenes Heft, das wieder einmal die Frage aufkommen lässt, ob Fans nicht doch „slans“ sind (wie seit 1941 immer wieder behauptet wird). Gratulation also! – und der Hinweis, dass bei Memoranda sowohl ein !Time Machine-Abo möglich ist, als auch der Bezug älterer Ausgaben (soweit noch vorhanden).

Sehr gefreut habe ich mich darüber, dass in der Reihe mit Romanen von Octavia E. Butler, die momentan bei Heyne erscheint, auch VERBUNDEN (ISBN 978-3-453-32350-6, 450 Seiten, Klappenbroschur) neu aufgelegt wurde. Der im Original 1979 in den USA veröffentlichte Roman KINDRED gehört sicherlich nicht zu den einfachsten und zugänglichsten Texten Butlers, aber er ist einer ihrer wichtigsten und eindringlichsten und fordert von seinen Leser*innen alles. Die Geschichte einer schwarzen Frau, die aus ihrem recht komfortablen Leben Ende des 20. Jahrhunderts herausgerissen und durch einen Zeitsprung ins Jahr 1815 versetzt wird, besitzt alles, was große Literatur ausmacht. Obwohl Dana von der Situation völlig überrascht ist, gelingt es ihr, bei ihrer ersten Zeitreise, einen weißen Jungen vor dem Ertrinken zu retten. Damit scheinen sie und Rufus jedoch auf eine spezielle Weise miteinander verbunden zu sein, die dafür sorgt, dass sie auch nach ihrer Rückkehr in ihr altes Leben immer wieder „zurückreisen“ muss, wenn das Leben von Rufus in Gefahr ist. Auf der Sklavenfarm von Rufus’ Familie wird ihr dafür allerdings kein Dank entgegengebracht, sonder Hass und Gewalt. Es dauert lange, bis Dana schließlich eine Möglichkeit findet, diesen Teufelskreis zu beenden … Butler als Schwarze und als Frau ging damit bewusst ein großes Risiko ein, denn sowohl die Themen Rassismus und Sklaverei als auch das Genre Science Fiction waren damals (und sind bis heute) gesellschaftlich nicht besonders gerne gesehen bzw. akzeptiert. Und da brauchen wir hierzulande nicht zu glauben, wir wären den USA in dieser Hinsicht überlegen. Umso wichtiger ist es, sich mit VERBUNDEN auseinanderzusetzen und reflektiert damit umzugehen. Einige Hilfestellung bietet das Nachwort der Übersetzerinnen Mirjam Nuenning und Sharon Dodua Otoo, das auch erklärt, warum bestimmte, inzwischen geächtete Begrifflichkeiten hier Verwendung finden.

Es war einmal vor langer, langer Zeit, da erschien im Goldmann Verlag die EDEN-Trilogie von Harry Harrison, mit Illustrationen von Bill Sanderson. Darin spielte Harrison auf faszinierende Weise die Möglichkeit durch, dass die Saurier nicht ausgestorben seien, sondern die Welt weiter beherrschten. Nun gibt es mit WENN NICHT DIE MENSCHEN (Kunstanstifter, ISBN 978-3-948743-22-2, 54 S.), geschrieben und illustriert von Vitali Konstantinov, einen würdigen Nachfolger. Konzipiert für Kinder, stellt dieses großformatige Hardcover mit seinen farbigen Ausklappseiten fünf Weltentwürfe vor, in denen Delphine, Waschbären, Oktopusse, Affen und – natürlich – die Dinosaurier jeweils eigene Zivilisationen errichtet haben. Dabei vermittelt Konstantinov auf eine gleichermaßen unterhaltsame wie lehrreiche Weise Wissens­wertes über diese Tierarten und deren derzeit bekannten Entwicklungsstand. Die Farbseiten bieten dann staunenswerte Einblicke in das Leben in Dino-City und Oktopolis, in Affen-Stadt, Waschbärhausen oder Delphinia. Dieses wunderschön produzierte Buch ist eine Einladung an die Phantasie. Beim Schmökern und Betrachten, beim Vor- oder Selberlesen tauchen ganze Romane vor dem inneren Auge auf – einfach traumhaft schön.


ZITAT

„Tatsache ist, dass der aufklärerische Impetus Roddenberrys zur Entstehung eines neuen Mythos beige­tragen hat, der Sinnfindung jenseits etablierter Glaubens- und Gottesvorstellungen in Aussicht stellt, wenn nicht gar ermöglicht. Sollte sich die Menschheit als würdig erweisen, an den strengen Maßstäben eines Q gemessen zum Aufstieg durch die Transzendenz ihrer materiellen Gebundenheit fähig zu sein, sich selbst und andere durch Toleranz, Frieden und Mitgefühl zu mehr Toleranz, Frieden und Mitgefühl zu verführen … dann dürfen auch die Transzendentalisten, die Romantiker und die wissenschaftlichen Agnostiker Hoffnung haben, dass die Zukunft nicht nur technologische, sondern auch spirituelle Errungenschaften bringen wird, die noch nie ein Mensch zuvor gesehen haben wird.“

Alexander Nym – „Falsche Paradiese. Götter und Gottesbilder in STAR TREK“; in: phantastisch! Nr. 101 (S. 41)



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