Da
ich ein bekennender Fan der Zukunftserzählungen von H. G. Wells bin, wird sich niemand darüber wundern, dass ich auch
gerne Comics ansehe und lese, die Wells’sche Ideen aufgreifen und verarbeiten.
Sehr gerne erinnere ich mich an Thilo
Krapps gelungene Umsetzung von DER KRIEG DER WELTEN (2017 in Schwarzweiß,
2023 dann in Farbe). Deshalb wartete ich voller Vorfreude auf DIE ZEITMASCHINE
(ISBN 978-3-551-80309-2, 192 S., Hardcover), die nun als farbige „graphic
novel“ bei Carlsen erschienen ist. Bereits nach den ersten Seiten fielen mir
einige Dinge auf, an die ich mich anders zu erinnern glaubte, obwohl meine
letzte Lektüre der ZEITMASCHINE noch gar nicht so lange her war. Nun, im
weiteren Verlauf dieser von Krapp textlich bearbeiteten und graphisch überaus
ansprechend gestalteten Comic-Fassung wurden die „Abweichungen“ immer deutlicher,
wirkten aber überhaupt nicht störend, sondern brachten mich dazu genauer
hinzusehen, genauer zu lesen – was letztlich dann auch zu einem gesteigerten
Vergnügen führte. Anders als noch beim KRIEG DER WELTEN nahm sich Krapp für
seine Nachschöpfung hier viel künstlerische Freiheit, behandelte die Vorlage
mit der nötigen Achtung, veränderte jedoch die Stellen, die für seine
Interpretation wichtig waren und schuf so eine wirklich eigenständige
Erzählung. Natürlich werde ich den Teufel tun und diese Änderungen hier
offenlegen: Das lest ihr mal bitte alle schön selbst. Allerdings kann ich
versprechen, dass DIE ZEITMASCHINE von Thilo Krapp keine verstaubte
Steampunk-Story geworden ist, sondern eine zeitgemäße und moderne Hinführung an
eine der großartigsten und wichtigsten frühen Science-Fiction-Geschichten und –
eine sehr eindringliche Liebesgeschichte.
Die
Geschichtenerzählerin Cornelia Funke
ist vielen von uns seit vielen Jahren eine gute Bekannte und treue Begleiterin
seit Kindertagen. Viele wissen auch, dass sie eine großartige Künstlerin ist
und egal ob mit Tusche, Aquarell, Gouache oder Buntstiften (oder mit allen Techniken
zusammen) ausgerüstet, wundervolle Bilder malt. Für ihr neuestes, sehr, sehr
großformatiges Buch WO FEEN NESTER BAUEN UND KOBOLDE AUS BÜCHERN SCHLÜPFEN (kunstanstifter,
ISBN 978-3-948743-66-6, 40 S.) hat sie einmal die Erzählerin hintan gestellt
und der Wimmelbild-Zeichnerin freie Hand gelassen. Herausgekommen ist ein Werk,
das in jeder Hinsicht alle Dimensionen sprengt. Mit einem Deckelbild, auf dem
sowohl die Buchstaben des Titels als auch allerlei wunderliches Kleinvolk
versuchen die Aufmerksamkeit der Betrachter*innen zu erregen – und das schon
einen überwältigenden, kaum auszuschöpfenden Detailreichtum bietet. Mit einem
Format von 38 mal 27 Zentimetern passt es vermutlich in die wenigsten
Buchregale – weshalb es überall rumliegen wird und uns daran erinnert, dass
solche Bücher betrachtet werden wollen. Mit seinen zehn Bilderseiten gibt es
sich vornehm schlank und unverdächtig – nur um dann, Bild für Bild, unsere Zeit
zu fordern, denn jedes einzelne bietet eine komplette Geschichte an, mit alten
und neuen Bekannten, mit Fabelwesen, Gärten, Burgen, Aliens, Büchern, Planeten
und jeder Menge Dinge, die wir selbst mit Namen versehen müssen. Mit den
Kurztexten im Anschluss an die Bilder, aus denen wir Informationen und neue
Anregungen erhalten, die uns zum Zurückblättern auffordern, oder in
Erinnerungen schwelgen lassen, oder zu eigenen Phantasien anregen, aus denen
neue Geschichten entstehen. Mit seinem bloßen Vorhandensein, das ein Angebot an
Alle ist: an alte und neue Vor-Leserinnen und Selbst-Leser, Eltern,
Jugendliche, Rentner, Kinder, Einheimische und Fremde – ein
Universal-Bilder-und-Geschichten-Buch, das sich als Lebensbegleiter eignet. So,
und bevor ich jetzt selbst „verloren gehe“, mache ich mich auf die Suche nach
einem überdimensionalen Regalfach – oder ich schau mir noch mal „Eine Reise zu
den Sternen“ an, oder „Die Papageienreiter“, oder „Das Bücherregal von Isotta
Poggi“, oder diese bemerkenswert gut beschützte Bibliothek auf Bibernell, der
„Burg der Zauberer“, oder …
Das
Lesen und Sammeln von Philip K. Dick-Büchern
kann sich ja schnell zu einer Manie entwickeln, zu einem Thema, das für ein
ganzes Lese- und Sammel-Leben reicht. Das zeigt sich unter anderem auch daran,
dass Dick-Bücher nicht nur im Antiquariat sehr gefragt sind und dass es eigene Spezial-Verlage
gibt, die sich der Erschließung von Dicks Leben und Werk widmen. Ein Beispiel
ist WIDE BOOKS, ein US-amerikanischer Independent-Publisher. Dort gibt es die
Reihe „Precious Artifacts“ und als deren fünfter Band erschien soeben
UNBEZAHLBARE ARTEFAKTE: EINE BIBLIOGRAPHIE ZU PHILIP K. DICK. Deutsche Ausgaben 1958–2026 (ISBN
9798182171311), zusammengestellt von Henri
Wintz, David Hyde und Jens-Christoph
Nolte. Die drei Herausgeber sind allesamt seit Jahrzehnten unterwegs und
sammeln alles von, über und zu Philip K. Dick. Aus diesem Fundus entwickelte
sich nun eine 200 Seiten starke, reich bebilderte und wirklich äußerst komplette
Bibliographie der deutschsprachigen Ausgaben von Dicks Werken. Das umfasst
natürlich alle Einzelveröffentlichungen, aber auch alle Beiträge in
Sammelbänden und Schulbüchern, die Interviews, Biografien und andere
Sekundärwerke und geht bis in entlegene Ecken des Literaturmarktes wie z. B.
Fanzines und „Phantom“-Ausgaben, die von Verlagen angekündigt, aber nie
produziert wurden. Mehr als nur eine nette Ergänzung sind die einleitenden
Essays der Herausgeber (in denen es um das Verhältnis von Dick zu Deutschland –
und umgekehrt – geht, und die Verlage und Übersetzer unter die Lupe genommen
werden) und zwei Artikel von Franz
Rottensteiner (über Lem und Dick) und Werner
Fuchs (über sein Treffen mit Dick in Frankreich), die wohl speziell für
diesen Band geschrieben wurden. Das Buch ist komplett zweisprachig angelegt,
d.h. sowohl für den englischsprachigen Markt als auch für uns hier problemfrei
zu goutieren; und auch dass es sowohl eine Softcover- wie eine
Hardcover-Ausgabe gibt, zeigt, dass „Service“ hier ernst genommen wird. Ein
echter Zugewinn für alle ernsthaft an Dick Interessierten und zudem ein
wunderschönes Bilderbuch, das einen Blick auf gut siebzig Jahre
(Science-Fiction-)Einbandgestaltung in Deutschland bietet.
Das
Jahr neigt sich dem Ende zu und wer jetzt noch keinen Kalender für 2027 hat,
freut sich unter Umständen, dass Calliope Media „einen
Wandkalender mit wunderbaren Illustrationen aus dem Magazinen phantastisch! und Exodus und der Comic-Anthologie COZMIC“
im Programm hat. Die 12 Monatsbilder sind von Dirk Berger, Frauke Berger, Pierangelo Boog, Cété
(Christian Turk), Oliver Engelhard, Thomas Franke, Jan Hoffmann, Michael Marrak, Andreas Möller, Sabrina
Schmatz, Meike Schultchen und Michael Vogt (von dem auch das, leider wieder auf dem Kopf stehende,
Deckblatt stammt). Kleiner Wermutstropfen (sorry, Karl Aua wollte auch mal zu
Wort kommen): Der mittig geklammerte und mit einem Aufhängloch versehene
Wandschmuck hat das Format DIN A5. Trotzdem, wie der Verlag so schön
formuliert: „Immer daran denken: Bald ist Weihnachten, daher auf jeden Fall als
Geschenk für Fantasy und Science-Fiction-Begeisterte vormerken. Oder auch
einfach für sich selbst. Schließlich ist ein schöner Blick ins neue Jahr nie
falsch“.
„Im Verlauf eines Sommers in den späten 1960ern entdeckte ich eine
einfache und sichere Methode, die Zukunft vorherzusagen. […] Es war ganz leicht.
Dazu war es nur nötig, die vorherrschenden Annahmen darüber, was diese Zukunft
für uns bereit hielt, umzudrehen. Es war offensichtlich die einzig richtige
Methode, da alle anderen bisher getroffenen Vorhersagen über die Zukunft nicht
nur falsch waren, sondern geradezu ihr Gegenteil eingetreten war.“
John Crowley (1942–2026), in:
TOTALITOPIA (S. 23)