Die diesjährige
EuroCon/MetropolCon fand vom 2. bis 5. Juli in Berlin statt. Trotz einiger
Bedenken bezüglich der Lokalität Silent Green (die sich nur zum Teil
bewahrheiteten) war unsere Anwesenheit Pflicht, nicht nur wegen der
Entgegennahme des KLP. Das Positive überwog dann auch durchweg: Vor allem die persönlichen
Treffen und Gespräche mit so vielen lieben Menschen, dass hier Aiki Mira, Michael Marrak, Hannes Riffel
und Hardy Kettlitz für alle anderen
stehen müssen, da der Platz sonst nicht reichen würde. Das Programm war mit
(gefühlt) weit über 100 Positionen an vier Tagen natürlich unüberschaubar,
Highlights gab es allerdings einige. Vor allem die Keynote-Speech von Aiki Mira am Freitagvormittag hatte
Weltklasseformat (und ist hoffentlich bald irgendwo nachzulesen)! Ebenfalls
spannend und unterhaltsam waren die Panels an denen Hannes Riffel, Anette Schaumlöffel, Becky Chambers, Jol Rosenberg
und Theresa Hannig beteiligt waren.
Auch die Video-Zuschaltung von Kim
Stanley Robinson zur Climate-Fiction-Diskussion klappte prima und gab dem
sympathischen Autor Gelegenheit seine überdimensionale Kaffeetasse mehrfach
prominent ins Bild zu setzen. Fixpunkt war natürlich die Verleihung der Kurd
Laßwitz Preise durch Udo Klotz am
Samstagnachmittag, wobei uns neben aller Freude über den Gewinn auch die
Einbeziehung des erst kürzlich verstorbenen Klaus Scheffler (Mitautor des SF-Lexikons) stark berührte, der
durch seinen Sohn vertreten war und von seinem Freund Wolfgang Both in warmen Worten gewürdigt wurde. Das sonstige
Rahmenprogramm rückte etwas in den Hintergrund, da das ständige hin und her der
Fanmassen zwischen den sieben Veranstaltungsräumen, den Händlertischen und den
Gastrobereichen für die zum Teil liebevoll gestalteten Ausstellungen mit
Bildern, Figuren und Comics nur wenig Aufmerksamkeit übrig ließ. Am Ende waren
wir alle wohl ziemlich ausgelaugt, konnten die Convention jedoch, auch wegen
der stets wachsamen, gegenwärtigen und aktiven Veranstalter-Crew, durchweg
genießen. Beim nächsten Mal (selbst wenn es eine WorldCon werden sollte) sind
wir wohl wieder dabei.
Kurz vor, während und nach der
MetropolCon erreichten mich jede Menge Bücher, Hefte und Magazine, sodass
dieser Newsletter mal wieder mehr als die gewohnte eine Seite haben wird.
Beginnen wir mit dem
Aktuellsten: Gerade frisch aus der Druckerpresse liegt die Ausgabe 102 der phantastisch! (Calliope Media) vor mir.
Neben gleich drei Kurzgeschichten, darunter eine von Jol Rosenberg, zwei Interviews und den üblichen Rubriken zu Film,
Comic, Jugendbüchern und Neuerscheinungen gibt es ein halbes Dutzend Sachartikel
unter denen der dritte und abschließende Teil von Horst Illmers „100 Jahre Science Fiction – Geschichte der deutschen
SF- Magazine“ hervorgehoben sein will. Da die Ertragslage immer noch nicht
stabil ist, noch mal der Hinweis, dass ein Abo der phantastisch! deren Weiterbestehen am ehesten möglich macht.
So ein Abo würde sicherlich
auch der „deutschen Ausgabe“ des Future
Fiction Magazine guttun, die mit der „Jubiläumsausgabe 10“ im Juni
rechtzeitig zur MetropolCon erschien. Durchaus zu stolz, präsentierten
die Herausgeber*innen Sylvana Freyberg und Uwe Post das 89-Seiten-Magazin mit
fünf Stories aus aller Welt (darunter, Nigeria, Brasilien und die USA), drei
Interviews und einem Sachartikel von Alessandra
Reß zum Thema „Städte der Zukunft“. Einziges Manko: da wohl mit dem Satz
etwas „schief gelaufen“ ist, fehlt zumindest der Beitrag über den Coverzeichner
Michael Vogt, dessen umlaufendes
Motiv ein echter „Hingucker“ ist.
Ebenfalls
rechtzeitig zur MetropolCon veröffentlichte Memoranda zwei neue Bücher, diesmal
keine Sekundärliteratur, sondern erzählende Prosa. Von Bernhard Kempen erschien das kleinformatige und sehr unterhaltsam
geschriebene Bändchen METAMANIA (ISBN 978-3-911391-16-0, 153 S.), in dem sieben
„Phantastische Erzählungen“ enthalten sind, einige davon Erstveröffentlichungen.
Und Kempen war wohl auch die treibende Kraft hinter dem Kurzgeschichtenband
MYTHEN, MONSTER UND MANIEN (ISBN 978-3-911391-14-6, 215 S., Klappenbroschur)
von Ian Watson, der leider kürzlich
verstorben ist und deshalb der Buchvorstellung in Berlin nicht mehr persönlich
beiwohnen konnte. Allerdings gelang es Bernhard
Kempen (der die Geschichten übersetzt und bevorwortet hat) und Verleger Hardy Kettlitz in ihrem Podiumsgespräch
aufs Vortrefflichste, den Geist ihres guten Freundes lebhaft zu beschwören und
dem Publikum seine „Phantastischen Geschichten aus einem anderen Deutschland“
schmackhaft zu machen. Wie Watson hier schwarzhumorig und kenntnisreich mit den
dunkelsten Kapiteln der deutschen Geschichte herumspielt, sucht in der
phantastischen Literatur seinesgleichen.
Schon ein wenig älter ist die
Ausgabe 7 (03/2026) des von Christoph
Grimm herausgegebenen und recht professionell daherkommenden
Phantastik-Magazins WELTENPORTAL, das
ich in Berlin direkt beim Verlag mitgenommen habe. Obwohl die Ausgabe 6 aus dem
letzten Jahr mit insgesamt vier KLP-Nominierungen in die diesjährige Endauswahl
gekommen war, gab man sich dort äußerst zurückhaltend und bescheiden – ein sehr
liebenswerter Zug. Denn auch WELTENPORTAL
# 7 hat wieder das Potenzial, Leser und Kollegen zu begeistern. Das liegt
zum einen natürlich am Umschlag, dessen Gestaltung Detlef Klewer obliegt, zum anderen aber auch an den Stories, bei
denen diesmal Andreas Eschbach
herausragt. Den Sachteil teilen sich Interviews und Artikel; das alles sehr übersichtlich gesetzt und mit tollen
Grafiken illustriert. Das Heft hat gegenüber seinen Vorläufern etwas
„abgespeckt“, dafür soll WELTENPORTAL
jetzt mit zwei Ausgaben im Jahr erscheinen. Wir blicken dem
hoffnungsfroh-gespannt entgegen.
Nun zu etwas ganz Anderem: Es
ist wohl nicht so, dass man die Geschichte der Science-Fiction-Literatur jetzt
neu schreiben muss, aber eine kleine Sensation ist die „Entdeckung“ des
Zeitreise-Romans DER ANACRONÓPETE von Enrique
Gaspar schon. Der bereits 1887 erstmals in Spanien erschienene Text
behandelt acht Jahre vor H. G. Wells
das Thema „Zeitreise vermittels einer Maschine“, war jedoch vollkommen in
Vergessenheit geraten. Nun hat sich mit R.
A. Ernst ein Schweizer Fan daran gemacht, dieses Buch einer breiteren
(deutschsprachigen) Öffentlichkeit zugänglich zu machen und deshalb 2025 eine
„kommentierte und modernisierte Ausgabe“ veröffentlicht. Diese erste deutsche
Übersetzung ist als Book on Demand zu haben, hat 171 Seiten und ist von Ernst
aufwändig bearbeitet: Ein Vorwort, literaturhistorische Einordnungen, eine
Biografie des spanischen Diplomaten und Komödiendichters Enrique Lucio Eugenio
Gaspar y Rimbau (1842–1902) und viele Fußnoten zeigen, dass sich da jemand viel
Mühe gemacht hat. Die Geschichte der Zeitreisenden orientiert sich sehr an den
damals auch in Spanien beliebten Abenteuergeschichten von Jules Verne und führt die Truppe um Don Sindulfo Garcia mit ihrer
„ersten Zeitmaschine“ ins alte China, zum Untergang von Pompeji und zur Pariser
Weltausstellung von 1878. Der vergnüglich zu lesende Roman zeigt in seiner an
der Oberfläche der Dinge bleibenden Geschichte aber auch deutlich, warum DIE
ZEITMASCHINE von Wells auch heute noch für viele Leser etwas Besonderes
darstellt – dort geht es ums Ganze: nichts weniger als die Zukunft der
Menschheit steht auf dem Spiel.
Habe ich schon mal erwähnt,
dass ich Bücher manchmal auch einfach wegen ihres Äußeren (Einband,
Schutzumschlag, Illustrationen usw.) kaufe? Nun ja, bei AGNES AUBERTS ZAUBERHAFTE
KATZENZUFLUCHT (TOR, ISBN 978-3-596-71224-3, 431 S., Hardcover), dem neuen
Roman von Heather Fawcett war es
zumindest eine Mischung aus „ich mag die vorherigen Bücher der Autorin“ und
„was für ein geil illustrierter Farbschnitt“ (Katzen und Bücher!), der meine
Aufmerksamkeit erregte. Die Geschichte einer Tierschützerin, eines Magiers und
jeder Menge vierpfotiger Fellträger bietet gehobene Unterhaltung, jedenfalls
für Menschen, die Katzen und Bücher mögen – und eine nette kleine
Liebesgeschichte.
Überraschung! Wie aus dem
Nichts erschien vor ein paar Tagen mit NANORAPTOREN (Hirnkost, ISBN 978-3-98857-172-4,
490 S., Hardcover) der neueste Science-Fiction-Roman von P. M., eine wilde Mischung aus Space Opera, Utopie, Freundschaft,
Missverständnis und Liebe.
Jetzt ist es also soweit: Die EXODUS hört auf! Unwiderruflich, mit
Ansage – und pünktlich!! Vor mir liegen die beiden Hefte, die zusammen die
Jubel-, Jubiläums-, Abschieds- und Danksagungs-Nummern 50.1 & 50.2 bilden.
Und was für ein Abschied ist das geworden!!! Wie Chefredakteur René Moreau in seinem großen Interview
in der phantastisch! 101 schon
ausführte, ließen es sich weder alte Weggefährten noch Genre-Neulinge nehmen,
Kurzgeschichten für diese Ausgabe einzusenden – und die Qualität erforderte und
rechtfertigte schließlich diese Doppelnummer. Bleiben wir kurz bei den
Textbeiträgen. Mit sicherer Hand und 50 Jahren Erfahrung als Anthologist
verteilte Moreau die Stories so, dass seine „Zugpferde“ Andreas Eschbach und Michael
Marrak in beiden Heften vertreten sind (zudem wurde Marraks umfangreicher
Text in zwei Teile gesplittet, hihihi). Wobei es eh unumgänglich ist, das
Doppelpack zu besitzen, denn die Erzählungen von Christian Endres, Uwe Hermann, Angela & Karlheinz Steinmüller,
Maria Orlovskaya, Peter Schattschneider u.v.a. sind einfach so gut, dass
man auf keine davon verzichten mag. (Nächstes Jahr, bei den Nominierungen zum
KLP und anderen Preisen, wird es für alle Autor*innen die hier nicht vertreten
sind, verflucht schwer, überhaupt auf die Listen zu kommen.) Nun noch zum
genauso wichtigen Grafik-Teil, steht die EXODUS
doch wie kein zweites Magazin dafür, deutsche und internationale Künstler zu
Höchstleistungen anzustacheln, damit sie es schaffen, einmal einen Platz in der
begehrten „Galerie“ zu erobern. Diesmal sind, neben den Illustrationen zu den
jeweiligen Geschichten, insgesamt vier Grafik-Blöcke zu besichtigen: Von Anfang
an dabei und deshalb natürlich unverzichtbar ist Thomas Franke, der Großmeister der Collage, erstmals vertreten ist Franz Miklis, und zu Pierangelo Boog und Thomas Thiemeyer (von denen auch die
Umschläge der Hefte sind) braucht man eigentlich nichts mehr zu sagen –
allesamt Künstler von Weltrang. Der Weg vom mehr durch Zufall entstandenen
Fanzine zur allgemein anerkannten „Mutter der deutschen
Science-Fiction-Magazine“ war lang und steinig – jetzt ist er zu Ende und die
„Nachkommen“ müssen zeigen, was sie gelernt haben und dass sie auf eigenen
Füßen stehen können. Es wird nicht einfach sein.
„»Man muss das Universum nicht als schön ansehen.
Man kann es hassen. Es ist leer, es hat viele lästige Naturgesetze, es tötet
uns, es ist indifferent. Ein Scheißladen.«
»Sie hat Recht. Im Grunde ist alles hoffnungslos,
erbärmlich, scheußlich. Aber inzwischen können wir doch etwas Spaß haben.«“
P.M. – NANORAPTOREN. (S. 472)
„Trionitus der Große war gebenedeit unter den
Hochapparateuren, reich an Konstrukteursraffinesse und gesegnet mit
Geistesblitz und Götterfunke. Seinerzeit jedoch, an jenem Tag, der heute
ehrfürchtig Legende genannt wird, stand er allein in seinem
Labor und war von ganz besonderem Stolz erfüllt, hatte er doch vollbracht,
woran all seine Konkurrenten gescheitert waren: Die Maschine, die ein für
unlösbar gehaltenes Problem lösen sollte, stand formvollendet vor ihm. Sie
hatte einen runden Kopf, in dessen Spitze ein Deflektorgenerator eingebaut war,
und sechs metamorphe Füße, die sich unter atmosphärischen Bedingungen zu
Leitwerken und auf dem Erdboden zu Geländerollen umfunktionieren ließen. Am
unteren Ende und über den Rumpf verteilt befanden sich Steuerdüsen, Schubdüsen,
Schweißdüsen, Nebeldüsen und Zwirbeldüsen. Drei ebenfalls metamorphe Arme
konnten sich in Tragflächen, Greifzangen, Fanghaken und Streitkolben
verwandeln. Dazwischen lag ein elliptischer Körper, in dem so geheime Technik
schlummerte, dass Trionitus gezwungen gewesen war, einige Komponenten blind
unter der Aufsicht und Instruktion einer Amtsdrohne zu installieren.“
Michael
Marrak – „Die
Maschine, die alle Probleme löste und unsere Sprache sprach“;
in: René Moreau (Hrsg.) – EXODUS 50.1