TEMPORAMORES - Newsletter # 430 - 11.9.2026




KURZMELDUNGEN

Da ich ein bekennender Fan der Zukunftserzählungen von H. G. Wells bin, wird sich niemand darüber wundern, dass ich auch gerne Comics ansehe und lese, die Wells’sche Ideen aufgreifen und verarbeiten. Sehr gerne erinnere ich mich an Thilo Krapps gelungene Umsetzung von DER KRIEG DER WELTEN (2017 in Schwarzweiß, 2023 dann in Farbe). Deshalb wartete ich voller Vorfreude auf DIE ZEITMASCHINE (ISBN 978-3-551-80309-2, 192 S., Hardcover), die nun als farbige „graphic novel“ bei Carlsen erschienen ist. Bereits nach den ersten Seiten fielen mir einige Dinge auf, an die ich mich anders zu erinnern glaubte, obwohl meine letzte Lektüre der ZEITMASCHINE noch gar nicht so lange her war. Nun, im weiteren Verlauf dieser von Krapp textlich bearbeiteten und graphisch überaus ansprechend gestalteten Comic-Fassung wurden die „Abweichungen“ immer deutlicher, wirkten aber überhaupt nicht störend, sondern brachten mich dazu genauer hinzusehen, genauer zu lesen – was letztlich dann auch zu einem gesteigerten Vergnügen führte. Anders als noch beim KRIEG DER WELTEN nahm sich Krapp für seine Nachschöpfung hier viel künstlerische Freiheit, behandelte die Vorlage mit der nötigen Achtung, veränderte jedoch die Stellen, die für seine Interpretation wichtig waren und schuf so eine wirklich eigenständige Erzählung. Natürlich werde ich den Teufel tun und diese Änderungen hier offenlegen: Das lest ihr mal bitte alle schön selbst. Allerdings kann ich versprechen, dass DIE ZEITMASCHINE von Thilo Krapp keine verstaubte Steampunk-Story geworden ist, sondern eine zeitgemäße und moderne Hinführung an eine der großartigsten und wichtigsten frühen Science-Fiction-Geschichten und – eine sehr eindringliche Liebesgeschichte.

Die Geschichtenerzählerin Cornelia Funke ist vielen von uns seit vielen Jahren eine gute Bekannte und treue Begleiterin seit Kindertagen. Viele wissen auch, dass sie eine großartige Künstlerin ist und egal ob mit Tusche, Aquarell, Gouache oder Buntstiften (oder mit allen Tech­niken zusammen) ausgerüstet, wundervolle Bilder malt. Für ihr neuestes, sehr, sehr großforma­tiges Buch WO FEEN NESTER BAUEN UND KOBOLDE AUS BÜCHERN SCHLÜPFEN (kunstanstifter, ISBN 978-3-948743-66-6, 40 S.) hat sie einmal die Erzählerin hintan gestellt und der Wimmelbild-Zeichnerin freie Hand gelassen. Herausgekommen ist ein Werk, das in jeder Hinsicht alle Dimensionen sprengt. Mit einem Deckelbild, auf dem sowohl die Buchstaben des Titels als auch allerlei wunderliches Kleinvolk versuchen die Aufmerksamkeit der Betrach­ter*innen zu erregen – und das schon einen überwältigenden, kaum auszuschöpfenden Detail­reichtum bietet. Mit einem Format von 38 mal 27 Zentimetern passt es vermutlich in die wenigsten Buchregale – weshalb es überall rumliegen wird und uns daran erinnert, dass solche Bücher betrachtet werden wollen. Mit seinen zehn Bilderseiten gibt es sich vornehm schlank und unverdächtig – nur um dann, Bild für Bild, unsere Zeit zu fordern, denn jedes einzelne bietet eine komplette Geschichte an, mit alten und neuen Bekannten, mit Fabelwesen, Gärten, Burgen, Aliens, Büchern, Planeten und jeder Menge Dinge, die wir selbst mit Namen versehen müssen. Mit den Kurztexten im Anschluss an die Bilder, aus denen wir Informationen und neue Anregungen erhalten, die uns zum Zurückblättern auffordern, oder in Erinnerungen schwelgen lassen, oder zu eigenen Phantasien anregen, aus denen neue Geschichten entstehen. Mit seinem bloßen Vorhandensein, das ein Angebot an Alle ist: an alte und neue Vor-Leserinnen und Selbst-Leser, Eltern, Jugendliche, Rentner, Kinder, Einheimische und Fremde – ein Universal-Bilder-und-Geschichten-Buch, das sich als Lebensbegleiter eignet. So, und bevor ich jetzt selbst „verloren gehe“, mache ich mich auf die Suche nach einem überdimensionalen Regalfach – oder ich schau mir noch mal „Eine Reise zu den Sternen“ an, oder „Die Papageienreiter“, oder „Das Bücherregal von Isotta Poggi“, oder diese bemerkenswert gut beschützte Bibliothek auf Bibernell, der „Burg der Zauberer“, oder …

Das Lesen und Sammeln von Philip K. Dick-Büchern kann sich ja schnell zu einer Manie ent­wickeln, zu einem Thema, das für ein ganzes Lese- und Sammel-Leben reicht. Das zeigt sich unter anderem auch daran, dass Dick-Bücher nicht nur im Antiquariat sehr gefragt sind und dass es eigene Spezial-Verlage gibt, die sich der Erschließung von Dicks Leben und Werk widmen. Ein Beispiel ist WIDE BOOKS, ein US-amerikanischer Independent-Publisher. Dort gibt es die Reihe „Precious Artifacts“ und als deren fünfter Band erschien soeben UNBEZAHLBARE ARTEFAKTE: EINE BIBLIOGRAPHIE ZU PHILIP K.  DICK. Deutsche Ausgaben 1958–2026 (ISBN 9798182171311), zusammengestellt von Henri Wintz, David Hyde und Jens-Christoph Nolte. Die drei Herausgeber sind allesamt seit Jahrzehnten unterwegs und sammeln alles von, über und zu Philip K. Dick. Aus diesem Fundus entwickelte sich nun eine 200 Seiten starke, reich bebilderte und wirklich äußerst komplette Bibliographie der deutschsprachigen Ausgaben von Dicks Werken. Das umfasst natürlich alle Einzelveröffentlichungen, aber auch alle Beiträge in Sammelbänden und Schulbüchern, die Interviews, Biografien und andere Sekundärwerke und geht bis in entlegene Ecken des Literaturmarktes wie z. B. Fanzines und „Phantom“-Ausgaben, die von Verlagen angekündigt, aber nie produziert wurden. Mehr als nur eine nette Ergänzung sind die einleitenden Essays der Herausgeber (in denen es um das Verhältnis von Dick zu Deutschland – und umgekehrt – geht, und die Verlage und Übersetzer unter die Lupe genommen werden) und zwei Artikel von Franz Rottensteiner (über Lem und Dick) und Werner Fuchs (über sein Treffen mit Dick in Frankreich), die wohl speziell für diesen Band geschrieben wurden. Das Buch ist komplett zweisprachig angelegt, d.h. sowohl für den englischsprachigen Markt als auch für uns hier problemfrei zu goutieren; und auch dass es sowohl eine Softcover- wie eine Hardcover-Ausgabe gibt, zeigt, dass „Service“ hier ernst genommen wird. Ein echter Zugewinn für alle ernsthaft an Dick Interessierten und zudem ein wunderschönes Bilderbuch, das einen Blick auf gut siebzig Jahre (Science-Fiction-)Einbandgestaltung in Deutschland bietet.

Das Jahr neigt sich dem Ende zu und wer jetzt noch keinen Kalender für 2027 hat, freut sich unter Umständen, dass Calliope Media „einen Wandkalender mit wunderbaren Illustrationen aus dem Magazinen phantastisch! und Exodus und der Comic-Anthologie COZMIC“ im Programm hat. Die 12 Monatsbilder sind von Dirk Berger, Frauke Berger, Pierangelo Boog, Cété (Christian Turk), Oliver Engelhard, Thomas Franke, Jan Hoffmann, Michael Marrak, Andreas Möller, Sabrina Schmatz, Meike Schultchen und Michael Vogt (von dem auch das, leider wieder auf dem Kopf stehende, Deckblatt stammt). Kleiner Wermutstropfen (sorry, Karl Aua wollte auch mal zu Wort kommen): Der mittig geklammerte und mit einem Aufhängloch versehene Wandschmuck hat das Format DIN A5. Trotzdem, wie der Verlag so schön formuliert: „Immer daran denken: Bald ist Weihnachten, daher auf jeden Fall als Geschenk für Fantasy und Science-Fiction-Begeisterte vormerken. Oder auch einfach für sich selbst. Schließlich ist ein schöner Blick ins neue Jahr nie falsch“.



ZITAT

„Im Verlauf eines Sommers in den späten 1960ern entdeckte ich eine einfache und sichere Methode, die Zukunft vorherzusagen. […] Es war ganz leicht. Dazu war es nur nötig, die vorherrschenden Annahmen darüber, was diese Zukunft für uns bereit hielt, umzudrehen. Es war offensichtlich die einzig richtige Methode, da alle anderen bisher getroffenen Vorhersagen über die Zukunft nicht nur falsch waren, sondern geradezu ihr Gegenteil eingetreten war.“

John Crowley (1942–2026), in: TOTALITOPIA (S. 23)



Zurück

Next