TEMPORAMORES - Newsletter # 428 - 20.7.2026




METROPOLCON 2026

Die diesjährige EuroCon/MetropolCon fand vom 2. bis 5. Juli in Berlin statt. Trotz einiger Bedenken bezüglich der Lokalität Silent Green (die sich nur zum Teil bewahrheiteten) war unsere Anwesenheit Pflicht, nicht nur wegen der Entgegennahme des KLP. Das Positive überwog dann auch durchweg: Vor allem die persönlichen Treffen und Gespräche mit so vielen lieben Menschen, dass hier Aiki Mira, Michael Marrak, Hannes Riffel und Hardy Kettlitz für alle anderen stehen müssen, da der Platz sonst nicht reichen würde. Das Programm war mit (gefühlt) weit über 100 Positionen an vier Tagen natürlich unüberschaubar, Highlights gab es allerdings einige. Vor allem die Keynote-Speech von Aiki Mira am Freitagvormittag hatte Weltklasse­format (und ist hoffentlich bald irgendwo nachzulesen)! Ebenfalls spannend und unterhaltsam waren die Panels an denen Hannes Riffel, Anette Schaumlöffel, Becky Chambers, Jol Rosenberg und Theresa Hannig beteiligt waren. Auch die Video-Zuschaltung von Kim Stanley Robinson zur Climate-Fiction-Diskussion klappte prima und gab dem sympathischen Autor Gelegenheit seine überdimensionale Kaffeetasse mehrfach prominent ins Bild zu setzen. Fix­punkt war natürlich die Verleihung der Kurd Laßwitz Preise durch Udo Klotz am Samstag­nach­mittag, wobei uns neben aller Freude über den Gewinn auch die Einbeziehung des erst kürzlich verstorbenen Klaus Scheffler (Mitautor des SF-Lexikons) stark berührte, der durch seinen Sohn vertreten war und von seinem Freund Wolfgang Both in warmen Worten gewürdigt wurde. Das sonstige Rahmenprogramm rückte etwas in den Hintergrund, da das ständige hin und her der Fanmassen zwischen den sieben Veranstaltungsräumen, den Händlertischen und den Gastro­bereichen für die zum Teil liebevoll gestalteten Ausstellungen mit Bildern, Figuren und Comics nur wenig Aufmerksamkeit übrig ließ. Am Ende waren wir alle wohl ziemlich ausgelaugt, konn­ten die Convention jedoch, auch wegen der stets wachsamen, gegenwärtigen und aktiven Veran­stalter-Crew, durchweg genießen. Beim nächsten Mal (selbst wenn es eine WorldCon werden sollte) sind wir wohl wieder dabei.


KURZMELDUNGEN

Kurz vor, während und nach der MetropolCon erreichten mich jede Menge Bücher, Hefte und Magazine, sodass dieser Newsletter mal wieder mehr als die gewohnte eine Seite haben wird.

Beginnen wir mit dem Aktuellsten: Gerade frisch aus der Druckerpresse liegt die Ausgabe 102 der phantastisch! (Calliope Media) vor mir. Neben gleich drei Kurzgeschichten, darunter eine von Jol Rosenberg, zwei Interviews und den üblichen Rubriken zu Film, Comic, Jugendbüchern und Neuerscheinungen gibt es ein halbes Dutzend Sachartikel unter denen der dritte und abschließende Teil von Horst Illmers „100 Jahre Science Fiction – Geschichte der deutschen SF- Magazine“ hervorgehoben sein will. Da die Ertragslage immer noch nicht stabil ist, noch mal der Hinweis, dass ein Abo der phantastisch! deren Weiterbestehen am ehesten möglich macht.

So ein Abo würde sicherlich auch der „deutschen Ausgabe“ des Future Fiction Magazine guttun, die mit der „Jubiläumsausgabe 10“ im Juni rechtzeitig zur MetropolCon erschien. Durchaus zu stolz, präsentierten die Herausgeber*innen Sylvana Freyberg und Uwe Post das 89-Seiten-Magazin mit fünf Stories aus aller Welt (darunter, Nigeria, Brasilien und die USA), drei Interviews und einem Sachartikel von Alessandra Reß zum Thema „Städte der Zukunft“. Einziges Manko: da wohl mit dem Satz etwas „schief gelaufen“ ist, fehlt zumindest der Beitrag über den Coverzeichner Michael Vogt, dessen umlaufendes Motiv ein echter „Hingucker“ ist.

Ebenfalls rechtzeitig zur MetropolCon veröffentlichte Memoranda zwei neue Bücher, diesmal keine Sekundärliteratur, sondern erzählende Prosa. Von Bernhard Kempen erschien das klein­formatige und sehr unterhaltsam geschriebene Bändchen METAMANIA (ISBN 978-3-911391-16-0, 153 S.), in dem sieben „Phantastische Erzählungen“ enthalten sind, einige davon Erstveröf­fent­lichungen. Und Kempen war wohl auch die treibende Kraft hinter dem Kurzgeschichtenband MYTHEN, MONSTER UND MANIEN (ISBN 978-3-911391-14-6, 215 S., Klappenbroschur) von Ian Watson, der leider kürzlich verstorben ist und deshalb der Buchvorstellung in Berlin nicht mehr persönlich beiwohnen konnte. Allerdings gelang es Bernhard Kempen (der die Geschichten übersetzt und bevorwortet hat) und Verleger Hardy Kettlitz in ihrem Podiums­gespräch aufs Vortrefflichste, den Geist ihres guten Freundes lebhaft zu beschwören und dem Publikum seine „Phantastischen Geschichten aus einem anderen Deutschland“ schmackhaft zu machen. Wie Watson hier schwarzhumorig und kenntnisreich mit den dunkelsten Kapiteln der deutschen Geschichte herumspielt, sucht in der phantastischen Literatur seinesgleichen.

Schon ein wenig älter ist die Ausgabe 7 (03/2026) des von Christoph Grimm herausgege­benen und recht professionell daherkommenden Phantastik-Magazins WELTENPORTAL, das ich in Berlin direkt beim Verlag mitgenommen habe. Obwohl die Ausgabe 6 aus dem letzten Jahr mit insgesamt vier KLP-Nominierungen in die diesjährige Endauswahl gekommen war, gab man sich dort äußerst zurückhaltend und bescheiden – ein sehr liebenswerter Zug. Denn auch WELTENPORTAL # 7 hat wieder das Potenzial, Leser und Kollegen zu begeistern. Das liegt zum einen natürlich am Umschlag, dessen Gestaltung Detlef Klewer obliegt, zum anderen aber auch an den Stories, bei denen diesmal Andreas Eschbach herausragt. Den Sachteil teilen sich Interviews  und Artikel; das alles sehr übersichtlich gesetzt und mit tollen Grafiken illustriert. Das Heft hat gegenüber seinen Vorläufern etwas „abgespeckt“, dafür soll WELTENPORTAL jetzt mit zwei Ausgaben im Jahr erscheinen. Wir blicken dem hoffnungsfroh-gespannt entgegen.

Nun zu etwas ganz Anderem: Es ist wohl nicht so, dass man die Geschichte der Science-Fiction-Literatur jetzt neu schreiben muss, aber eine kleine Sensation ist die „Entdeckung“ des Zeitreise-Romans DER ANACRONÓPETE von Enrique Gaspar schon. Der bereits 1887 erstmals in Spanien erschienene Text behandelt acht Jahre vor H. G. Wells das Thema „Zeitreise vermittels einer Maschine“, war jedoch vollkommen in Vergessenheit geraten. Nun hat sich mit R. A. Ernst ein Schweizer Fan daran gemacht, dieses Buch einer breiteren (deutschsprachigen) Öffentlichkeit zugänglich zu machen und deshalb 2025 eine „kommentierte und modernisierte Ausgabe“ veröffentlicht. Diese erste deutsche Übersetzung ist als Book on Demand zu haben, hat 171 Seiten und ist von Ernst aufwändig bearbeitet: Ein Vorwort, literaturhistorische Einord­nungen, eine Biografie des spanischen Diplomaten und Komödiendichters Enrique Lucio Eugenio Gaspar y Rimbau (1842–1902) und viele Fußnoten zeigen, dass sich da jemand viel Mühe gemacht hat. Die Geschichte der Zeitreisenden orientiert sich sehr an den damals auch in Spanien beliebten Abenteuergeschichten von Jules Verne und führt die Truppe um Don Sindulfo Garcia mit ihrer „ersten Zeitmaschine“ ins alte China, zum Untergang von Pompeji und zur Pariser Weltausstellung von 1878. Der vergnüglich zu lesende Roman zeigt in seiner an der Oberfläche der Dinge bleibenden Geschichte aber auch deutlich, warum DIE ZEITMASCHINE von Wells auch heute noch für viele Leser etwas Besonderes darstellt – dort geht es ums Ganze: nichts weniger als die Zukunft der Menschheit steht auf dem Spiel.

Habe ich schon mal erwähnt, dass ich Bücher manchmal auch einfach wegen ihres Äußeren (Einband, Schutzumschlag, Illustrationen usw.) kaufe? Nun ja, bei AGNES AUBERTS ZAUBERHAFTE KATZENZUFLUCHT (TOR, ISBN 978-3-596-71224-3, 431 S., Hardcover), dem neuen Roman von Heather Fawcett war es zumindest eine Mischung aus „ich mag die vorherigen Bücher der Autorin“ und „was für ein geil illustrierter Farbschnitt“ (Katzen und Bücher!), der meine Aufmerksamkeit erregte. Die Geschichte einer Tierschützerin, eines Magiers und jeder Menge vierpfotiger Fellträger bietet gehobene Unterhaltung, jedenfalls für Menschen, die Katzen und Bücher mögen – und eine nette kleine Liebesgeschichte.

Überraschung! Wie aus dem Nichts erschien vor ein paar Tagen mit NANORAPTOREN (Hirnkost, ISBN 978-3-98857-172-4, 490 S., Hardcover) der neueste Science-Fiction-Roman von P. M., eine wilde Mischung aus Space Opera, Utopie, Freundschaft, Missverständnis und Liebe.

Jetzt ist es also soweit: Die EXODUS hört auf! Unwiderruflich, mit Ansage – und pünktlich!! Vor mir liegen die beiden Hefte, die zusammen die Jubel-, Jubiläums-, Abschieds- und Danksa­gungs-Nummern 50.1 & 50.2 bilden. Und was für ein Abschied ist das geworden!!! Wie Chef­redakteur René Moreau in seinem großen Interview in der phantastisch! 101 schon ausführte, ließen es sich weder alte Weggefährten noch Genre-Neulinge nehmen, Kurzgeschichten für diese Ausgabe einzusenden – und die Qualität erforderte und rechtfertigte schließlich diese Doppel­nummer. Bleiben wir kurz bei den Textbeiträgen. Mit sicherer Hand und 50 Jahren Erfahrung als Anthologist verteilte Moreau die Stories so, dass seine „Zugpferde“ Andreas Eschbach und Michael Marrak in beiden Heften vertreten sind (zudem wurde Marraks umfangreicher Text in zwei Teile gesplittet, hihihi). Wobei es eh unumgänglich ist, das Doppelpack zu besitzen, denn die Erzählungen von Christian Endres, Uwe Hermann, Angela & Karlheinz Steinmüller, Maria Orlovskaya, Peter Schattschneider u.v.a. sind einfach so gut, dass man auf keine davon verzichten mag. (Nächstes Jahr, bei den Nominierungen zum KLP und anderen Preisen, wird es für alle Autor*innen die hier nicht vertreten sind, verflucht schwer, überhaupt auf die Listen zu kommen.) Nun noch zum genauso wichtigen Grafik-Teil, steht die EXODUS doch wie kein zweites Magazin dafür, deutsche und internationale Künstler zu Höchstleistungen anzustacheln, damit sie es schaffen, einmal einen Platz in der begehrten „Galerie“ zu erobern. Diesmal sind, neben den Illustrationen zu den jeweiligen Geschichten, insgesamt vier Grafik-Blöcke zu besichtigen: Von Anfang an dabei und deshalb natürlich unverzichtbar ist Thomas Franke, der Großmeister der Collage, erstmals vertreten ist Franz Miklis, und zu Pierangelo Boog und Thomas Thiemeyer (von denen auch die Umschläge der Hefte sind) braucht man eigentlich nichts mehr zu sagen – allesamt Künstler von Weltrang. Der Weg vom mehr durch Zufall entstandenen Fanzine zur allgemein anerkannten „Mutter der deutschen Science-Fiction-Magazine“ war lang und steinig – jetzt ist er zu Ende und die „Nachkommen“ müssen zeigen, was sie gelernt haben und dass sie auf eigenen Füßen stehen können. Es wird nicht einfach sein.


ZITATE

„»Man muss das Universum nicht als schön ansehen. Man kann es hassen. Es ist leer, es hat viele lästige Naturgesetze, es tötet uns, es ist indifferent. Ein Scheißladen.«

»Sie hat Recht. Im Grunde ist alles hoffnungslos, erbärmlich, scheußlich. Aber inzwischen können wir doch etwas Spaß haben.«“

P.M. – NANORAPTOREN. (S. 472)

 

„Trionitus der Große war gebenedeit unter den Hochapparateuren, reich an Konstrukteurs­raffinesse und gesegnet mit Geistesblitz und Götterfunke. Seinerzeit jedoch, an jenem Tag, der heute ehrfürchtig Legende genannt wird, stand er allein in seinem Labor und war von ganz besonderem Stolz erfüllt, hatte er doch vollbracht, woran all seine Konkurrenten gescheitert waren: Die Maschine, die ein für unlösbar gehaltenes Problem lösen sollte, stand formvollendet vor ihm. Sie hatte einen runden Kopf, in dessen Spitze ein Deflektorgenerator eingebaut war, und sechs metamorphe Füße, die sich unter atmosphärischen Bedingungen zu Leitwerken und auf dem Erdboden zu Geländerollen umfunktionieren ließen. Am unteren Ende und über den Rumpf verteilt befanden sich Steuerdüsen, Schubdüsen, Schweißdüsen, Nebeldüsen und Zwirbeldüsen. Drei ebenfalls metamorphe Arme konnten sich in Tragflächen, Greifzangen, Fanghaken und Streitkolben verwandeln. Dazwischen lag ein elliptischer Körper, in dem so geheime Technik schlummerte, dass Trionitus gezwungen gewesen war, einige Komponenten blind unter der Aufsicht und Instruktion einer Amtsdrohne zu installieren.

Michael Marrak – Die Maschine, die alle Probleme löste und unsere Sprache sprach“;

in: René Moreau (Hrsg.)EXODUS 50.1



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