TEMPORAMORES - Newsletter # 302 - 5.6.2019




KURZMELDUNGEN

Es wäre ja zu schön, wenn sich die Profis einmal (einmal nur!) auch professionell verhalten würden. Aber dafür müsste ich wohl in ein sehr alternatives Universum wechseln. Grund für das Gejammer ist der Umgang der hochbezahlten Literaturkritik des deutschsprachigen Feuilletons mit dem neuesten Roman des englischen Schriftstellers Ian McEwan, der als immerhin so wichtig angesehen wird, dass er fast zeitgleich mit seinem Erscheinen allüberall an prominenter Stelle ausführlich „besprochen“ wird. Trotz aller Ausführlichkeit war kein einziger Rezensent in der Lage den korrekten Titel des Buches zu nennen, der da lautet MASCHINEN WIE ICH UND MENSCHEN WIE IHR (Diogenes, ISBN 978-3-257-07068-2, 407 Seiten, Hardcover) jedoch durchgängig auf die ersten drei Worte reduziert wurde. Dass es selbst der Verlag nicht besser macht (und auf seiner Homepage auch noch einen falschen Preis nennt) ist auch kein Trost. Als Leser braucht man sich um solche Kleinigkeiten ja nicht zu bekümmern, da kann man einfach zugreifen und sich von einem der stilsichersten und sprachmächtigsten Autoren der Gegenwart in eine kontrafaktische Alternativgeschichte entführen lassen, in der ein als Kriegsheld gefeierter Alan Turing praktisch im Alleingang für ein weit früher einsetzendes Computerzeitalter gesorgt hat, sodass im Jahr 1982 neben dem Internet und Handys bereits ein mit künstlicher Intelligenz ausgestattetes Modell eines Androiden existiert. Wie sich im Verlauf der Handlung zeigt, ist jedoch auch in dieser Welt der Mensch vor allem Mensch. Weshalb man auch den Titel, ganz so wie vom Autor hingeschrieben und von Bernhard Robben wortgetreu übersetzt, MACHINES LIKE ME (AND PEOPLE LIKE YOU) in Gänze als MASCHINEN WIE ICH UND MENSCHEN WIE IHR mitdenken und zitieren sollte. Ein Buch, an dem in diesem Frühjahr kein Weg vorbeiführt.

Nein, ich werde dieses Buch nicht lesen. Es reicht mir völlig, dass ich es in meine Sammlung stellen kann. Warum ich es trotzdem empfehle? Weil GRM (Kiepenheuer & Witsch, ISBN 978-3-462-05143-8, 640 Seiten), das neue Werk von Sibylle Berg, einfach danach schreit, dass man dieses wunderschön gemachte Hardcover in die Hand nimmt, nur um dann seinem Zauber zu erliegen. Dabei vermischen sich altmodische buchkünstlerische Qualitäten (ornamental geprägter Einband, Lesebändchen, Papierqualität, Satzspiegel) mit höchstem literarischem Anspruch. GRM bezieht sich auf die aus London kommende Musikrichtung „Grime“ und lässt so durchaus schon im Titel anklingen, dass die derzeitige Underground- und Popkultur nicht ganz unwichtig für die Handlung ist. Der als „Brainfuck“ daherkommende Romantext spielt in der nächsten Zukunft und ist als Experiment einfach spannend genug angelegt, sodass aufgeweckte LeserInnen einfach mal einen Versuch mit GRM starten sollten.

Bei DvR wurde mit BRÜCKEN ÜBER DEM WELTENRAUM (ISBN 978-3-945807-45-3) von Ludwig Anton ein seltener Zukunftsroman aus dem Jahr 1922 neu aufgelegt.



ZITAT

„Science-Fiction interessiert mich nicht.“

Ian MeEwan – Interview; Süddeutsche Zeitung (21. Mai 2019)



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