TEMPORAMORES - Newsletter # 420 - 8.2.2026




KURZMELDUNGEN

Endlich auf Deutsch erhältlich: Die von Harlan Ellison im Original 1967 herausgegebene Anthologie GEFÄHRLICHE VISIONEN (Carcosa, ISBN 978-3-910914-42-1, 784 S.), die für das SF-Genre wichtigste Sammlung aller Zeiten. Die 32 Autor*innen: Brian W. Aldiss, Poul Anderson, J. G. Ballard, Robert Bloch, Jonathan Brand, John Brunner, David R. Bunch, James Cross, Miriam Allen deFord, Samuel R. Delany, Lester Del Rey, Philip K. Dick, Sonya Dorman, Larry Eisenberg, Harlan Ellison, Carol Emshwiller, Philip José Farmer, Joe L. Hensley, Damon Knight, R. A. Lafferty, Keith Laumer, Fritz Leiber, Kris Neville, Larry Niven, Frederik Pohl, Howard Rodman, Robert Silverberg, John T. Sladek, Henry Slesar, Norman Spinrad, Theodore Sturgeon und Roger Zelazny. Dem Übersetzer Hannes Riffel, und einem Dutzend Mit-Übersetzer*innen, ist dafür zu danken, dass die Stimmenvielfalt der Originalgeschichten erkennbar bleibt. Die 33 Geschichten, die Vor- und Nachworte, und der einzigartige romanlange Essay von Harlan Ellison (und nicht zu vergessen: zwei Vorworte von Isaac Asimov) machen aus GEFÄHRLICHE VISIONEN ein Gesamtkunstwerk, dessen Relevanz und Qualität wohl auch die nächsten sechzig Jahre überdauern werden; vor allem aber: ein unvergessliches Lesevergnügen.

Mit JENSEITS DER GRENZEN (ISBN 978-3-910914-48-3, 355 S.) findet die Ausgabe der ausgewählten Werke von Joanna Russ im Carcosa Verlag nach drei Büchern ein (hoffentlich nur vorläufiges) Ende. Russ (1937–2011) veröffentlichte von 1955 bis kurz vor ihrem Tod, auch wenn der Schwerpunkt ihres Schreibens zwischen 1960 und 1990 lag. Da bleibt für eine echte „Werkausgabe“ schon noch was übrig. Andererseits müssen wir dem Verleger Hannes Riffel und der Herausgeberin Jeanne Cortiel natürlich dankbar sein, denn ihre Auswahl stellt Russ in Deutschland einem neuen Publikum vor. Zudem beschränkt sich die Textauswahl nicht nur auf die großen, unverzichtbaren Romane – in Band 3 ist dies DIE TODGEWEIHTEN… aus dem Jahr 1976 – sondern versucht auch, die Kurzgeschichtenautorin (hier mit „Seelen“ und „Körper“ vertreten), die Essayistin und die kenntnisreiche Rezensentin zu präsentieren. Und spätestens nach der Lektüre von „Pornografie von Frauen für Frauen, mit Liebe“, einer scharfsinnigen Untersuchung von STAR TREK-Fanfiction aus dem Jahr 1985, vermisse ich vor allem einen ganzen Band mit Russ-Essays. Und falls ich dann noch einen Wunsch frei hätte, würden mich die gesammelten Stories von Joanna Russ sicherlich auch für lange Zeit ans Lesepult fesseln. Oder, kürzer: Schade, dass mit JENSEITS DER GRENZEN die Joanna Russ-Werke zu Ende sind.


ZITAT

„Wer Kritiken schreibt, neigt dazu, reizbar zu sein. […] Warum machen wir so etwas? Zunächst mal ist da der reaktive Schmerz. Nur wer Jahr für Jahr Rezensionen schreibt, weiß, wie wahrhaft abscheulich ein Großteil der erzählenden Literatur wirklich ist. Dem Schmerz, der solche Lektüre bereitet, können wir uns nicht entziehen.“

Joanna Russ – „Bücher“; in: Dies.: JENSEITS DER GRENZEN (S. 287)



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