TEMPORAMORES - Newsletter # 370 - 28.02.2023




KURZMELDUNGEN

Dass der gute P. Craig Russell bei uns vor allem als Zeichner und Illustrator von Neil Gaimans Büchern und Comics bekannt ist, gehört zu den Ungerechtigkeiten unserer Scheuklappenwelt. Sieht man sich Russells Gesamtwerk einmal näher an, so entdeckt man dort z. B. einen Zyklus mit Adaptionen der Märchen Oscar Wildes und eine ganze Reihe von Interpretationen großer europäischer Opern. Dazu gehört auch das 2000 bis 2001 gezeichnete Monumentalwerk DER RING DES NIBELUNGEN, das anhand von Richard Wagners Libretto den kompletten vierteiligen RING-Zyklus enthält. Die ursprüngliche Heftchenserie ist jetzt endlich bei cross cult als 450 Seiten-Hardcover (ISBN 978-3-96658-943-7) in der Übersetzung von Stephanie Pannen erschienen. Russells teils plakative, teils detailgenaue Bilder entsprechen in ihrer fröhlichen Farbigkeit zwar nicht unbedingt Wagners Vorgaben, aber dieser Comic war ja auch weniger für ein konservatives Opernpublikum gedacht, sondern für amerikanische Leser, die an einer Heranführung an dieses schwierige Werk Interesse hatten. Das zumindest gelingt Russell auf sehr überzeugende Weise.

Einen „Helden“ von sehr spezieller Art präsentieren die französischen Künstler Wilfrid Lupano (Text) und Léonard Chemineau (Bilder) in ihrer Graphic Novel DAS BUCHMAULTIER VON CORDOBA (Splitter, ISBN 978-3-96792-396-4, 264 S.), in dem sie auf äußerst humorvolle Weise beschreiben, wie ein Lastenmaultier eine zusammengewürfelte Gruppe mehr oder weniger zufälliger Bücher-Retter dabei unterstützt, zumindest einige wenige Exemplare aus der riesigen Bibliothek des Kalifen von Cordoba vor dem Scheiterhaufen in Sicherheit zu bringen. Der durchaus ernste Hintergrund dieser vergnüglichen Erzählung wird im Anhang erklärt, seine Kenntnis ist jedoch nicht Voraussetzung zum Genuss des Ganzen.

Einem sehr überraschenden Thema widmet sich das neueste Buch von Andreas Eschbach: DER SCHLAUESTE MANN DER WELT (Lübbe, ISBN 978-3-7857-2849-9) erzählt auf 220 Seiten das „Lob der Faulheit“. Bei einem so fleißigen Autor wie Eschbach (40 Bücher in nicht einmal 30 Jahren) erstaunt das dann schon – aber unter Umständen ist man nach der kurzweiligen Lektüre ja eher geneigt, dem „schlauesten Mann der Welt“ zuzustimmen.

Ein ernstes Thema auf gänzlich unerwartete Weise anzugehen, ist immer auch mit der Gefahr des Scheiterns verbunden, trotzdem möchte ich auf VOM BUFFET DER GUTEN LAUNE NEHM ICH DIE SAUREN GURKEN (Lappan, ISBN 978-3-8303-3643-3) hinweisen, einem Buch, das „komische Kunst über Depression“ beinhaltet und dazu gedacht ist, „einer ernsthaften Krankheit ein Stück Bedrohlichkeit“ zu nehmen. 31 Künstler*innen kommentieren auf 120 Seiten in Wort und Bild auch ihre persönlichen Erfahrungen. Honorare und Gewinne aus diesem Projekt gehen an Hilfseinrichtungen. Lachen und Helfen gleichzeitig – Depression ist schon komisch.



ZITAT

„Gut, dass Du so offen über Deine Depressionen geredet hast, sonst wäre der Abend nicht so lustig geworden.“

Til Mette, in: VOM BUFFET DER GUTEN LAUNE NEHM ICH DIE SAUREN GURKEN (S. 27)



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