TEMPORAMORES - Newsletter # 268 - 25.8.2017




KURZMELDUNGEN

Mein Schreibtisch quillt über – all die neuen Bücher rufen: „Nimm mich, lies mich, stell mich Deinen Freunden vor!“ – und wer ist schuld? Na, mal sehen, ob sich das noch klären lässt.

Zuerst einmal sind natürlich die vielen Leute schuld, die den in einer Alternativwelt angesiedelten Roman UNDERGROUND RAILROAD (Hanser, ISBN 978-3-446-25655-2, 350 Seiten) von Colson Whitehead mit dem Pulitzer Preis, dem National Book Award, dem Goodreads Choice Award und dem Arthur C. Clarke Award ausgezeichnet haben. Ganz zu schweigen von den Journalisten, die sich in der Fachpresse (Locus) und dem Feuilleton (FAZ) fasziniert zeigen von Whiteheads epischer Beschreibung der Freiheitssuche einer geflohenen Sklavin in einem irrealen Amerika, das in einer Zeitschleife gefangen scheint, sodass Gegenwart und Vergangenheit kaum mehr zu unterscheiden sind. Ganz harter Stoff.

Schuld daran, dass ich EINE KURZE GESCHICHTE DER BÖHMISCHEN RAUMFAHRT (Tropen, ISBN 978-3-608-50377-7, 360 Seiten) von Jaroslav Kalfar mitgenommen habe, ist Peter Alexander, der irgendwann einmal „Wie Böhmen noch bei Österreich war“ gesungen hat, und mir damit offenbar den posthypnotischen Kaufbefehl einprägte. Ein tschechischer Science-Fiction-Roman, von einem in die USA ausgewanderten Prager Jungautor, der Humor und First-Contact-Story vereint. Was will man mehr?

Am Erwerb des in einer nahen Zukunft spielenden Romans AMERICAN WAR (S.Fischer, ISBN 978-3-10-397319-8, 444 Seiten) von Omar El Akkad ist mein Lieblingsbuchhändler schuld. Der hat das Erstlingswerk des aus Ägypten stammenden und über Kanada in die USA ausgewanderten Autors, in dem ein 2075 ausgebrochener Bürgerkrieg die Vereinigten Staaten erneut zu spalten droht, einfach so platziert, dass ich es in die Hand nehmen musste – schon war’s passiert.

Ganz doof ist es, wenn ein Verlag meint, dass er mir ein neues Buch „einfach mal so“ – also unaufgefordert – zusenden muss – und damit auch noch recht hat! Woher wusste zum Beispiel Sauerländer, dass ich seit Jahren fasziniert um Lian Hearns Zyklus DER CLAN DER OTORI rumschleiche und immer nicht weiß, ob ich die fünf Bücher wirklich brauche. Jetzt, wo ich HERRSCHER DER ACHT INSELN (ISBN 978-3-7373-5466-0, 592 Seiten) hier liegen habe, den ersten Band der LEGENDE VON SHIKANOKO, erübrigt sich das „Rumschleichen“. Die 300 Jahre vor den OTORI-Büchern im feudalen Japan angesiedelte All-Age-Geschichte mit Zauberern, Prinzessinnen und einem geraubten Thronfolger verspricht nicht nur spannende Unterhaltung, sondern ist auch noch wunderschön aufgemacht.

Und weil wir gerade dabei sind: Schuld daran, dass ich DIE PRÜFUNG (TOR, ISBN 978-3-596-29757-3, 700 Seiten) von Jay Kristoff als Rezensionsexemplar angefordert habe, sind die Buchgestalter von TOR Books, die den ersten NEVERNIGHT-Band zu einem haptisch-visuellen Ereignis gemacht haben. Die Story um ein Mädchen, das Rache nehmen will und deshalb in den Orden der Assassinen strebt, klingt nicht nur wegen des „Worldbuilding“ (Welt mit drei Sonnen, beachtenswerte Nomenklatur, ausgefeiltes Kartenmaterial) interessant, sondern überzeugt auch durch farbig illustrierte Vorsätze, einen gelungenen Schutzumschlag und einen dreiseitigen Rotschnitt (der beim ersten Aufblättern gänsehauterzeugend „bricht“).

Selbst Schuld bin ich allerdings an Marco Behringers GREEN AND CLEAN? (Tectum, ISBN 978-3-8228-3929-8, 280 Seiten), einer ausgefeilten Doktorarbeit zum Thema „Alternative Energiequellen in Science Fiction und Utopie“, denn auf diese literaturwissenschaftlich-ethnologische Untersuchung habe ich gewartet, seit ich wusste, dass sie im Entstehen ist. Der Ansatz, sich gezielt mit dem Thema der utopischen Energiegewinnung und -verarbeitung in Zukunftsromanen zu beschäftigen ist topaktuell und vielversprechend. Behringer geht dabei multiperspektivisch vor und untersucht Quellenmaterial aus den letzten zwei Jahrhunderten, wobei er nicht nur auf Prosatexte eingeht, sondern auch Comics und Filme hinzu zieht. Die Bandbreite reicht von Jules Verne und H. G. Wells über Buck Rogers- und Mosaik-Comics bis hin zu Andreas Eschbach und Iron Man-Verfilmungen. Neben zu erwartenden Autoren wie Hans Dominik finden sich Überraschungen wie Alfred Döblin und Paul Gurk und erfreulich viele Quellen aus der DDR. Hier wurde nicht das Altbekannte wiedergekäut, sondern intensiv und kenntnisreich geforscht. Bereits die ausführliche Beschäftigung mit dem Definitionsproblem im ersten Teil zeigt, dass ein Blick aus der kulturwissenschaftlichen und ethnologischen Perspektive die seit Jahren lahmende Germanistik mit neuen Ideen weiterbringen kann. Die Folgerungen die Behringer im Folgenden aus seinen Detailbetrachtungen gewinnt, scheinen schlüssig und bieten vielfache Anregungen für eine weitere Beschäftigung mit einem Thema, das trotz der vielen Beispiele noch jede Menge potenzielles Material bereithält. Wie „grün“ und „sauber“ die Phantastische Literatur ist, steht noch nicht endgültig fest – aber das Thema in den Fokus gerückt zu haben, ist das unbestreitbare Verdienst von Marco Behringer.



ZITATE

„Wenn Menschen sterben, scheißen sie sich oft in die Hosen. Ihre Muskeln erschlaffen, ihre Seelen flattern befreit davon, und alles andere … rutscht eben einfach so raus. Das ist eine Tatsache, die Schreiberlinge nur selten erwähnen, so beliebt der Tod bei ihrem Publikum auch sein mag. Wenn unser Held in den Armen seiner Heldin sein Leben aushaucht, dann weisen sie nicht unbedingt auf den feuchten Fleck im Schritt hin oder auf den Gestank, der ihr die Tränen in die Augen treibt, als sie sich für den letzten Kuss über ihn beugt.“

Jay Kristoff – in: NEVERNIGHT – DIE PRÜFUNG (S. 9)

 

„Alle drei Pferde senkten den Kopf, und in ihren Augen sammelten sich Tränen, als weinten sie.“

Lian Hearn – HERRSCHER DER ACHT INSELN (S.578)

 

„Als ich jung war, sammelte ich Postkarten. Ich fand immer, für jemanden, der fast sein ganzes Leben damit zubrachte, die Geschichte des Krieges zu erforschen, waren diese Momentaufnahmen aus einer verklärten, heiteren Welt ein schönes Gegengewicht, ein Ausgleich.“

Omar El Akkad – AMERICAN WAR (S.  9)

 

„Das Dunkel kam über mich. Irgendwann erwachte ich von einem ganz leichten Tippen auf meiner Haut. Auf meinem Unterarm saß der Weberknecht. Ich strich Nutella auf mein Handgelenk, direkt neben dem Spinnentier. Der Weberknecht rührte sich nicht. Sein dicker Bauch ruhte auf meinen Armhaaren.“

Jaroslav Kalfar – EINE KURZE GESCHICHTE DER BÖHMISCHEN RAUMFAHRT (S. 364)

 

„Als Caesar das erste Mal von einer Flucht in den Norden redete, sagte Cora nein. Da sprach ihre Großmutter aus ihr. […] Drei Wochen später sagte sie ja. Diesmal sprach ihre Mutter aus ihr.“

Colson Whitehead – UNDERGROUND RAILROAD (S. 9–15)



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