TEMPORAMORES - Newsletter # 228 - 29.1.2015




KURZMELDUNGEN

Das neue Jahr beginnt mit dem Hinweis auf die neueste Ausgabe unseres Lieblingsmagazins phantastisch! (Atlantis), dessen Ausgabe 57 den inzwischen 15. Jahrgang  eröffnet. Inhaltliche Höhepunkte setzen u. a. Olaf Brill und Michael Vogt, deren Steampunk-Comic „Ein seltsamer Tag“ ja inzwischen in Farbe getaucht ist und diesmal zwei Seiten umfasst. Von Brill stammt auch ein großartiger Übersichtsartikel zum SF-Comic „Valerian und Veronique“, während sich Sonja Stöhr mit neuen Büchern für junge Leser und dem Trend zur „Alternate History“ beschäftigt. Christian Endres steuert neben einem Interview mit SAM ZABEL-Autor Dylan Horrocks noch einen Artikel über H. G. Wells und die Übersetzung eines Peter S. Beagle-Textes bei. Und zu Harlan Ellison, dem Enfant Terrible der Science Fiction, gibt es gleich zwei lange Texte von Horst Illmer und Christian Hoffmann. So kann das Jahr weitergehen!

So ein Terraforming-Ingenieur hat es schon schwer. Da will man nur mal kurz den stressigen Schreibtischjob gegen ein paar Jahre Ruhe auf einem leblosen Planeten eintauschen, so ganz ohne Kontakt zu Menschen, dafür aber mit der Möglichkeit, Gott zu spielen und der Schöpfung ein wenig auf die Sprünge zu helfen – und dann steckt man plötzlich mitten in einer abenteuerlichen Verfolgungsjagd durch die halbe Galaxis. Matthias Falke ist mit DER TERRAFORMER (Atlantis, ISBN 978-3-86402-189-3, 300 Seiten) ein gut geschriebener, spannender und humorvoller Science-Fiction-Roman der „alten Schule“ gelungen. Keine Stilexperimente, keine überbordende Gewalt, keine Apokalypse, die kurzfristig gestoppt werden muss – sondern einfach nur herrliches Weltraum-Garn, wie man es sich abends auf Beta 7 oder Centauri 13 bei einem guten Gläschen am Tresen einer Raumfahrer-Kneipe erzählt. Lesevergnügen pur!

Das Dream-Team der zeitgenössischen Höchst-Phantastik ist zurück. Bei Heyne erschien endlich DAS GLEISMEER (ISBN 978-3-453-31540-2, 400 S.), der langerwartete neue Roman von China Miéville, übersetzt von der unvergleichlichen Eva Bauche-Eppers & wir können nur sagen: Das Warten hat sich gelohnt! In seinem neuesten Meisterwerk lässt Miéville seiner Fabulierlust (und seiner Liebe zur guten alten Eisenbahn) wieder einmal freien Raum und zitiert genüsslich Motive und Figuren aus solchen Abenteuer-Klassikern wie MOBY DICK oder der SCHATZINSEL. & Frau Bauche-Eppers steuert in ihrer Nachdichtung noch einiges an Mehrwert bei. Einzig die Einbandgestaltung vermag nicht zu überzeugen (um höflich zu bleiben).

Etwas makaber wirkt es schon, wenn man in Shaun Ushers Briefesammlung LETTERS OF NOTE BRIEFE, DIE DIE WELT BEDEUTEN (Heyne, ISBN 978-3-453-26955-2, 400 S.) gleich nach einem Eierkuchenrezept, welches die blutjunge Regentin Elisabeth II. an den US-Präsidenten Dwight D. Eisenhower sendet, das berühmt-berüchtigte Schreiben Jack the Rippers „From hell“ findet – aber gerade die unerwartete Gegenüberstellung von anrührend & furchteinflößend, alt & neu, kurz & episch, literarisch & unbedarft, schmerzerfüllt & heiter macht den eigentlichen Reiz dieses großformatigen Buches aus. 125 höchst unterschiedliche Briefe hat Usher zusammengetragen (viele davon sind als Faksimile beigegeben), von bekannten und unbekannten Schreibern an bekannte und unbekannte Empfänger, historisch wichtige Briefe und wie nebenbei hingeworfene Notate, Lebenszeichen und Selbstmorddrohungen, begeisterte Gunstbezeugungen und Schreiben voller Hass und Missgunst, Entschuldigungen und Erklärungen – kurz gesagt: Das ganze, pralle Leben zwischen zwei Buchdeckeln. Erfreulicherweise finden sich neben gleich zwei Briefen von Kurt Vonnegut jr. auch je einer von Ray Bradbury und Philip K. Dick. Damit ist die Anschaffung dieses auch herstellungstechnisch wundervollen Prachtbandes in jedem Falle gerechtfertigt!

Das Aufeinandertreffen der furchtbaren Anschläge von Paris mit dem Ersterscheinungstag von Michel Houellebecqs Near-Future-Groteske SOUMISSION war unter Umständen kein Zufall – geschadet hat es der Verbreitung des Buches wohl nicht. Glücklicherweise war der Rummel in Deutschland ein paar Tage später, als UNTERWERFUNG (Dumont, ISBN 978-3-8321-9795-7, 270 S.) in der Übertragung von Norma Cassau & Bernd Wilczek veröffentlicht wurde, deutlich geringer. Doch auch hierzulande berichteten alle Leitmedien über Houellebecqs Vorschau auf das Jahr 2022, wenn in Frankreich aus Angst vor Marine Le Pen ein muslimischer Präsident gewählt wird – und man sich dort dann auch noch fast widerstandslos den neuen Moralvorstellungen anpasst. Zur Meinungsbildung unbedingt selbst lesen!

Ähnliches gilt eigentlich auch für STARSHIP TROOPERS (Mantikore, ISBN 978-3-939212-48-5, 385 S.) von Robert A. Heinlein. In den USA erhielt der 1959 erstmals veröffentlichte Roman sogleich einen HUGO Award; in Deutschland dauerte es, trotz Heinleins immenser Popularität, bis ins Jahr 1981, bevor Bastei Lübbe sich an diesen Titel wagte (und damit seine hochkarätige Reihe Science Fiction Special eröffnete). Nun liegt das Buch in einer sehr frisch, frech und modern wirkenden Neuübersetzung von Ulrich Schüppler vor – und vermag sich als einer der Klassiker der „Military-SF“ gegen jede Menge Konkurrenz zu behaupten. Man kann kaum umhin, Heinlein für seine begeistert (und begeisternd) vorgetragene unbedingte Liebe zur Infanterie Respekt zu zollen. Wer wissen will, wo Miles und Andrew ihre literarischen Wurzeln haben, sollte mal einen Blick riskieren. Mehr, als dass man sich gut unterhalten fühlt, kann kaum passieren.

Und für alle, denen das Niveau jetzt doch zu niedrig geworden ist, hier noch ein „Beruhigungs-Tropfen“ zum Abschluss: Die soeben für ihren Beitrag zur amerikanischen Literatur mit einer Ehrenmedaille (und einem soliden Geldbetrag, wir sind ja schließlich in den USA daheim) ausgezeichnete Ursula K. Le Guin schreibt gottseidank einfach trotzdem weiter. In der Ausgabe 62 des Tin House Magazine (ISBN 978-0-9912582-1-5, Volume 16, Number 2, 224 S.) erschien ihre Kurzgeschichte „The Jar of Water“. Die etwa 20 Seiten lange Story spielt in einer Wüste, die ein Diener im Auftrag seines Herren gleich mehrfach durchqueren muss, dabei immer in Gefahr, von Räubern oder dem Durst an seiner Aufgabe verhindert zu werden. Der Stil ist wunderbar leicht und märchenhaft und das Ganze wirkt wie ein Seitenstück zu TAUSEND UND EINER NACHT. Wer mehr über die Bezugsmöglichkeiten usw. erfahren möchte, sollte ruhig einmal auf Mrs. Le Guins Internetseite www.ursulakleguin.com schauen.



ZITATE

„Ich machte eine sehr wichtige Entdeckung in Camp Currie. Das Glück besteht darin, genug Schlaf zu bekommen. Nur das, sonst nichts. All die reichen, unglücklichen Leute, die man so kennt, brauchen ihre Schlafmittel; Männer von der Mobilen Infanterie benötigen so etwas nicht. Gib einem Kapsel-Trooper einen Schlafsack und die Zeit, ihn zu benutzen, und er ist glücklich wie ein Wurm in einem Apfel – und schläft.“

Robert A. Heinlein – STARSHIP TROOPERS, S. 78


„Lassen Sie es mich folgendermaßen zusammenfassen: Die Science-Fiction hat sich langsam und unvermeidlich ihrem einförmigen Tod ergeben: Sie ist inzüchtig, derivativ und schal geworden.”

Philip K. Dick – „Brief an Jeff Walker“; in: S. Usher (Hg.) – LETTERS OF NOTE, S. 302

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